Jesus lebt mitten unter uns

Jesus lebt mitten unter uns
Können Sie sich noch an Ihren letzten Streit erinnern? Ich meine jetzt an einen richtigen, wo es ums „Eingemachte“ ging. Wo sie unbedingt im Recht sein und mit dem Kopf buchstäblich durch die Wand gehen wollten? Nun, ich schon. Und im Nachhinein, da tat es mir leid. Denn ich war nicht so vollständig im Recht, wie ich dachte. Dabei war ich mir so sicher …
Ich glaube mein Fehler bei diesem Streit war es, mich nicht auf die Perspektive meines Gegenübers eingelassen zu haben. Ich habe nur meine Argumente gelten lassen, das andere zwar gehört, aber nicht wirklich wahr- und schon gar nicht angenommen. Auch die Menschen in der Welt machen den Anschein, dass sie immer weniger von ihren Mitmenschen annehmen wollen. Ich bin sicher nicht der Einzige, der denkt, dass sich ein ungesunder Egoismus immer weiter ausbreitet. Die Krisenherde in der Welt scheinen immer mehr zu werden. Ein Land mit einer so langen demokratischen Tradition wie die USA ist auf dem besten Weg zu einer Autokratie, von anderen – auch europäischen – Ländern ganz zu schweigen. Auf der ganzen Welt kommt es immer wieder zu Anschlägen. Und das leider nur allzu oft im Namen Gottes – zumindest vordergründig. Kann es sein, dass die Religionen – ganz gleich welcher Prägung – es einfach nicht schaffen, aus uns bessere Menschen zu machen? Dabei gibt es doch genügend Gebote, Gesetze und Verordnungen, die uns auf den rechten Weg bringen sollten.
Vielleicht können uns ja die Fastenzeit und das bevorstehende Osterfest einen Weg zeigen!? Denn in diesen Tagen haben wir Christen einen wirklich guten Grund zu feiern: Das Leben Jesu mitten unter uns. Das ist wichtig. Denn nur, wenn wir die ganze Menschlichkeit Christi anerkennen, wird sich uns auch seine göttliche Größe erschließen. Jesus hat seine göttliche Macht nie zu seinem eigenen Vorteil genutzt. Er hat sich immer dem Willen des Vaters untergeordnet – bis hin zu seinem Tod am Kreuz. Das macht seine Größe aus. Denn damit ordnete er sich den Bedürfnissen schwacher und armer Menschen unter, die nicht auf Hilfe zählen konnten; damals wie auch heute.
Wie er das konnte? Jesus hat die Liebe gelebt, wie keiner vor und nach ihm, der je eine religiöse Bewegung angestoßen hat. Seine Liebe ist der Grundstein für das Haus, das wir heute Christentum nennen. Nie hat Jesus einen Menschen allein gelassen, nie hat er einen Menschen für seine Zwecke missbraucht. Jesu Menschlichkeit ist für mich ein Symbol dafür, wie der Mensch der Zukunft handeln soll. Unser Gott ist kein Gott, der nur verehrt und angebetet werden will – er ist vor allem einer, der gelebt werden will. Im Christentum sind Gottesdienst und Dienst am Menschen untrennbar miteinander verbunden, das eine geht nicht ohne das andere, keines davon ist weniger wichtig. Deswegen sind mein Lebensstil und meine Taten mindestens genauso von Bedeutung wie meine Gebete. In diesem Zusammenhang kann sich mein Leben an religiösen Geboten und Gesetzen orientieren. Aber diese dürfen nie dazu führen, die Liebe zu den Menschen außer Acht zu lassen – oder Barmherzigkeit und Vergebung zu vernachlässigen.
Wir leben im hier und jetzt und haben den Auftrag, unsere Zeit so gut es geht zu gestalten. Daher macht es im Geiste Jesu keinen Sinn, auf morgen und übermorgen zu warten. Die Erlösung muss jetzt, sie muss in einem jeden von uns zu spüren sein. Das Reich Gottes in uns. Das befreit uns von religiösen Klimmzügen; das schenkt uns ein offenes, ein freies Leben für den geschwisterlichen Umgang miteinander – genauso wie für einen Lebensstil, der Fülle, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gleichermaßen verwirklicht. Nicht das Ende der Zeiten ist entscheidend, sondern jeder einzelne Tag.
Diakon Michael Stephan
